#1 DIE EISPIRATEN von Drachenherz 26.10.2021 16:57

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Ich stelle unser Vorhaben am besten noch einmal vor!
Es wurde nämlich in der Vergangenheit total missverstanden!

Von Walter Ernsting (Clark Darlton) hatte ich die Idee, wie man in Deutschland Leute an Science Fiction interessieren könnte. Damals bastelte er ja ,mit Waldemar Kummings und andern Autoren, an der Perry Rhodan Heftserie. Im Küffhäuser zu Heidelberg unterhielten wir uns anlässlich eines SFCD-Cons über die künftig drohende Wasserknappheit auf unserem Planeten. Und das war auch der zündende Funke für die Idee mit den Eispiraten.

Aber die Idee schlummerte Jahrzehntelang still vor sich hin; ich hatte was anderes zu tun. Befeuert wurde die Sache schließlich durch den 'Kristall' von unserem Karl-Heinz Mitzschke und schließlich neu durch die Buchreihe 'The Expanse', die schließlich auch als Serie verfilmt wurde und heute als eine der besten SF-Serien überhaupt gilt.

Aber heute ist diese Thematik aktueller denn je, denn inzwischen weiß jedermann, dass uns langsam 'das Wasser ausgeht'.
Es lohnt sich also für clevere Autoren, eine SF-Serie zu erschaffen, die diese wachsenden Problematik in der Zukunft beleuchtet.

Allerdings erbitte ich mir dafür Autoren aus, die wenigstens die untersten Förderstufen erklommen haben und auch wirklich etwas mit den Autorenschule-Vorträgen anfangen können.
Lasst uns den Anfang machen, mit Karl-Heinz Mitzschkes "DER KRISTALL"!

#2 RE: DIE EISPIRATEN von Drachenherz 26.10.2021 16:59

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Der Kristall
Karl-Heinz Mitzschke – 54.124 – 9 - Eispiraten

Dryden war sicherlich der trockenste Planet in dieser Ecke des Weltraumes; deshalb wäre er auch nie besiedelt worden, wäre da nicht ein Minensucher namens Olli Goldstein gewesen. Noch heute erzählt man sich seine Geschichte:
Auf der Suche nach Wasser landete der unerfahrene junge Mann ausgerechnet auf dieser, von jedermann gemiedenen Wüstenkugel. Dass er dennoch Wasserbohrungen einbrachte, sprach für seinen schier grenzenlosen Optimismus, nicht aber für seinen Verstand.
Als eine Patrouille des Meteoridendienstes zufällig auf das Schiff des Wassersuchers stieß und den stark dehydrierten Raumfahrer fand, war es nicht nur ein Wunder, dass er noch lebte, vielmehr waren die Männer über die unermesslich reichhaltigen Rohstoffproben in den leeren Wassertanks des Raumfahrzeugs erstaunt.
Kurz danach nahm der sagenhafte Run auf die berühmt berüchtigten Dryden Minen seinen Lauf.

Die eigentliche Schlüsselstellung in der Kette der entstandenen wirtschaftlichen Unternehmen bekleideten die Aquarianer; raue Kerle, die sich in einer Vielzahl kleiner Firmen zusammengefunden hatten. Sie riskierten Kopf und Kragen, indem sie mit ihren Raumschleppern in die gefürchteten Kollisionszonen des Meteoritengürtels eindrangen, um geeignete Kleinkörper aus tiefgefrorenem Eis abzuschleppen und in die Umlaufbahn um Dryden zu transportieren.
Die Regierung hatte bereits mehrfach versucht, das Wassermonopol an sich zu reißen, aber die Aquarianer waren bislang stets Herr der Situation geblieben. Sie waren mutig und schlau, und ihre immensen Erfahrungen musste man sich erst einmal aneignen.

Einer dieser cleveren Unternehmer war der raubeinige Kossi. Eigentlich lautete sein Name ja Jan Kosovitschky, aber wer konnte sich schon einen solchen Namen merken? Die Freunde durften ihn einfach Kossi nennen.
Feinde hatte er nicht allzu viele, wenigstens nicht unter den Aquarianern. Zugegeben: reich war er nicht geworden, bei all seinen halsbrecherischen Missionen, aber er hielt sich ganz gut über Wasser, vor allem mit kleinen Nebengeschäften, für die er keinerlei Steuern bezahlte. Das Schicksal ist und bleibt jedoch ziemlich launisch, und, ja, es ließ auch hier gewisse Umstände eintreten …
Noch aber saß Kosovitschky in einer der üblen Kaschemmen, die für gewöhnlich Treffpunkt der Aquarianern waren und freute sich auf das nächste kühle Bier. Pieter, der Wirt, hatte ihn beobachtet und fand, es sei an der Zeit, nun endlich sein ganz persönliches Anliegen an den Mann zu bringen. Drum wischte er seine nassen Hände ab, stopfte sich das ehemals weiße Abtrockentuch in den Gürtel und schlurfte schwerfällig auf jenen Tisch zu, an dem Jan Kosovitschky Platz genommen hatte.
Der Wasserjäger schaute freundlich grinsend auf:
»Grüß Dich, Pieter, alter Gauner, ich denke ich habe mir tatsächlich noch ein kühles Blondes verdient!«
»Sicher, mein Freund, sicher …«
Doch der schlaue Aquarianer betrachtete den Wirt mit zusammengekniffenen Augen, während dieser schwer schnaufend Platz nahm und Atem schöpfte.
»Kossi«, begann der Kneiper umständlich, »du weißt, ich bitte dich nicht gerne um einen Gefallen, aber ich brauche unbedingt wieder einmal eine Sonderration.«
Dies war die Einleitung für eines der üblichen Spiele zwischen den beiden Geschäftspartnern, das auch diesmal damit eröffnet worden war. Klarer Fall: Der eine wollte möglichst billig einkaufen – der andere wollte gut verdienen.
»Hm, ja …!« Der angesprochene Eispirat starrte scheinbar gelangweilt in sein nahezu leeres Glas, um dann doch einen letzten Schluck zu nehmen, jedoch ohne sich zu den Worten des Wirts zu äußern.
Pieter dagegen beugte sich tiefer über den Tisch.
»Du kannst das doch arrangieren, Mann …!« Es klang drängend.
»Was denn ..?«, Kossi stellte das leere Glas ab und schaute sich betont gelangweilt im Raum um.
»Eine Extralieferung, Kossi! Was denn sonst?«
»Schwierig.« Jan runzelte die Stirn. »Sehr, sehr schwierig. Die Kontrollen werden immer schärfer. Man munkelt sogar wieder von einer drohenden Verstaatlichung der Wasserwirtschaft.«
Der Wirt richtete sich mit verkniffenem Gesicht auf, und wischte den Schweiß von seinen Händen. Immer das Gleiche mit Kossi, schien er zu denken. »Die Wasserbullen …«, sein Stimme klang verächtlich. »Seit wann kümmerst du dich um die Wasserbullen. Die haben dich doch noch nie an einer Extralieferung gehindert.«
»Tja …!« Das Gesicht des Aquarianers konnte alles Mögliche bedeuten. Aber dennoch schwieg er beharrlich.
Pieter verlegte sich aufs Bitten.
»Mensch, Kossi«, jammerte er, »du wirst doch einen alten Kumpel nicht hängen lassen. Oder?«
Der Wasserjäger seufzte. »Du weißt doch Piet, für dich immer«, er drehte das leere Bierglas bezeichnend in den Händen, »wenn es mir irgendwie möglich erscheint …«
Pieter verstand den Wink nur zu gut. Er wandte sich um. Lissy war eine erfreulich flinke Bedienung, die selbst in brenzligen Situationen nie ihre Ruhe verlor, was sie für den Wirt und die Gäste unersetzlich machte. Prompt stellte sie ein volles Glas vor Jan ab und nahm das leere mit sich.
»Zum Wohlsein, Kossi!«, murmelte Piet. »Lass es dir schmecken.«
Der Angesprochene nickte bloß, nahm einen kräftigen Schluck und wischte sich genießerisch den Schaum von den Lippen. »Also wie gesagt Piet, für Dich immer gern, aber …«
Der Wirt fiel ihm ins Wort: »Wie ich dich kenne, alter Gauner, ist es doch nur eine Frage des Geldes!«
Kosovitschky brummelte, aber es klang zufrieden. Seiner Meinung nach begann sich die Unterhaltung langsam aber sicher in die richtige Richtung zu bewegen. Doch gerade als die beiden in die eigentliche Verhandlungsphase eintreten wollten, ertönte ein Gong. Der öffentliche Projektor leuchtete auf und der Startscreen einer Sondersendung der planetaren Vision flimmerte über den Schirm.
»Ruhe, verdammt noch mal!«, brüllte es vom Nachbartisch her durchs Lokal; scheinbar nahm sich da einer sehr wichtig. Doch tatsächlich verebbte der Lärm in der Kneipe.
Jan Kosovitschky starrte vor sich auf den Tisch. Kaum etwas von dem, was der virtuellen Sprecher sagte, schien zu ihm durchzudringen. Stattdessen grübelte er darüber nach, wie er wohl den Preis noch pushen könnte, den er seinem Freund diesmal abzuknöpfen gedachte. Deshalb drangen nur vereinzelte Wortfetzen zu ihm durch:
»Die Regierung hat im Angesicht einer drohenden Verknappung … noch nie eine so angespannte Situation … Einheiten der Armee … verboten mit der Standarte gekennzeichnete … Ursache … möglicherweise feindliche, bisher unbekannte Lebewesen …«
Der Wirt aber war blass geworden. »Hast du das gehört?«, flüsterte er erschrocken. »Und ich dachte, du bluffst nur.«
Kosovitschky fühlte sich aus seinen Überlegungen gerissen. »Was …?«
Der Wirt stemmte die Hand in die Hüfte und blitzte den Freund an. »Sag mal wo bist du mit Deinen Gedanken? Das Wasser geht tatsächlich zu Ende, und die Armee kontrolliert bald die Meteoriten.« Er schien außer sich. »Du lieber Gott, das ist bestimmt der Auftakt zum vollständigen Ruin!«
Kossi schüttelte bloß zynisch den Kopf. Er kannte die Art seines Freundes. In Geschäftsdingen neigte er allzu leicht zu theatralischen Übertreibungen.
»Mach’ halblang!«, beschwichtigte er deshalb den Erregten. »Du weißt doch, dass sie vor fünf Jahren schon einmal denselben Schwachsinn erzählt haben. Und? Was ist passiert?«
»Ja, schon«, räumte Pieter ein. »Aber damals war es eine bloße Fehleinschätzung. Ein Glück, dass wieder neue Vorräte aufgetaucht sind.«
»Und warum sollte es diesmal anders sein?«
»Und warum sollte es diesmal nicht anders sein?« Pieter schien verärgert. »Ich glaube nicht im Ernst daran, dass sie uns diesmal an der Nase herumführen. Irgendwann ist ja tatsächlich Schluss mit den Eisboliden.«
»Ach, wirklich?« Jans Stimme hatte einen sarkastischen Klang angenommen, »Du glaubst also nicht, mein Lieber? Ja weißt du, das mit dem Glauben ist so eine Sache.« Er nahm einen kräftigen Schluck. »Ich zum Beispiel glaube nur, was ich sehe.«
Urplötzlich ärgerte er sich über die Regierung, die Armee und über das Finanzamt, und darum wurde er laut: »Ich denke, die Burschen haben allemal Grund genug uns kräftig anzulügen.«
In diesem Fall wäre es besser gewesen, er hätte sich ein wenig beherrscht, denn am Nebentisch verstummte unvermittelt das Gemurmel. Kossi stutzte und folgte unwillkürlich Pieters Blick, der bezeichnend zum Nachbartisch schaute. Ein paar Schwarzuniformierte hatten mitten in ihrer Bewegung inne gehalten und starrten nun direkt zu ihrem Tisch herüber. Das verhieß bestimmt nichts Gutes.
Ein kleiner, fülliger Uniformierter mit schütterem Haar erhob sich sogar, betont langsam natürlich, umrundete seinen Tisch und baute sich theatralisch vor Kosovitschky auf, während er sich bezeichnend an seine Kameraden wandte.
»Schaut doch mal her«, äußerte er laut, und seine Worte trieften vor Hohn. »Hier ist einer von denen, die mit ihren Schwarzmarktpreisen unser Wasser so teuer machen.«
Grimmig wandte er sich dem Sitzenden zu.
»Und nun«, er schlug Kossi derb gegen die Schultern, »hast du wohl Angst, dass deine kleinen, schmutzigen Geschäfte nicht mehr gehen, he?«
Kosovitschky blieb für einen Moment lang scheinbar reglos sitzen, ehe er demonstrativ langsam den Blick hob und dem Kleinen ins Gesicht schaute. Pieter kannte seinen Gast zur Genüge. Er wusste, einer Prügelei ging der ja prinzipiell nicht aus dem Weg. Deshalb rückte er seinen Stuhl etwas zurück um aus der Reichweite zu gelangen.
Der Kerl vor Kossi sah bloß kräftig aus, war es aber sicherlich nicht. Man konnte die Bewegung Jans kaum verfolgen, aber als der Aquarianer aufsprang, um dem Überraschten an den Kragen zu gehen, fiel sogar der Stuhl polternd um. Er zog das Gesicht des Fetten ganz nah zu sicher her.
»Ist ’was …?«, erkundigte er sich bissig, »hast du irgendwelche Probleme …?«
Der Kerl antwortete nicht. Er wehrte sich auch nicht. Er schaute dem Aufgebrachten nur ganz cool und äußerst zufrieden in die Augen. Und tatsächlich stellte sich denn auch ein Hüne von Sergeant neben den Dicken und fixierte den aufgebrachten Kosovitschky provokant, wandte sich aber ganz offensichtlich an seinen Kumpel.
»Wie ist das, Major Vorweck«, erkundigte er sich lässig, »macht da irgendwer irgendwelchen Ärger …?«
Pieter Wesser, der Schankwirt, fürchtete natürlich zu Recht um die Einrichtung seiner Kneipe, wenn er die beeindruckende Gestalt des Sergeants so betrachtete und an frühere Erfahrungen dachte.
»Leute, seid vernünftig«, bat er deshalb hastig. »Ihr könnt doch eure Probleme …!«
Unter dem beiläufigen Stoß des Muskelmanns taumelte er gegen den nächsten Tisch. Das Glas eines Gastes ging dabei zu Bruch. Biergeruch machte sich breit, während sich auf dem Boden eine Lache ausbreitete. Und plötzlich erklang lautes Stühlescharren. Fußgetrappel. Anfeuernde Rufe. Die Kneipengäste wollten sich das Schauspiel nicht entgehen lassen und scharten sich um die Streithähne.
Kossi, der Wasserjäger, von dem schwarz uniformierten Kraftprotz aufs Korn genommen, schätzte seine Lage natürlich ganz reell ein. Gegen den komme ich nicht an, dachte er sorgenvoll. Aber dennoch: ein Kosovitschky gab nicht auf … wenigstens nicht ohne weiteres. Im Gegenteil: Nie im Leben würde er sich blamieren, indem er kniff. Er musste da durch, egal was auch passieren mochte. Frech ließ er seinen Blick zwischen den Beiden hin und her huschen. »Will einer von euch beiden tatsächlich ein blaues Auge?«
Höhnisches Gelächter. Flinker als angenommen packte ihn der muskulöse Sergeant an der Brust. Der Stoff von Jans Jacke ratschte, als er sich losriss, aber schon schnellte die Faust des Muskelmannes vor; sie sollte die Nase treffen. Doch der Attackierte konnte gerade noch unter dem Schlag wegtauchen. Aus den Augenwinkeln registrierte er zudem, wie sein Freund, der Wirt, sich fluchtartig aus dem Staube machte. Das konnte niemals gut gehen. Die Zeichen standen schlecht.
Zudem schlangen sich von hinten zwei Arme um seine Brust, und der Kraftprotz grinste über die längst fällige Gelegenheit, es einem der Eispiraten kräftig zeigen zu können. Mit einem einzigen Schlag konnte er ihm nämlich das Nasenbein brechen. Er holte aus und …
Lärm brandete auf. Die Kneipentür knallte gegen die Wand. Laute Straßengeräusche brandeten von draußen herein und übertönten die anfeuernden Rufe. Tumult entstand. Aufgeregt gestikulierend rannten die Leute aus dem Schankraum. Eine unübersehbare Menschenmenge schob und drängte sich am Lokal vorüber.
»He, Mann, Tür zu …!«
»Wir sind auf dem Weg zur Wasserbehörde. Los, alle Mann mit …!«
»Und mein Bier …?«
Im Nu leerte sich die Kneipe. Der Strom aufgebrachter Leute sog die neu Angekommenen in sich auf und walzte weiter nach Süden.
Kossi erkannte seine Chance.
Schwer atmend, unter dem Druck der pressenden Arme stieß er hervor: »Und nun? Wollt ihr nicht eure Pflicht tun?« Er verzog schmerzhaft das Gesicht, während sich der Griff lockerte. »Während ihr hier herumhängt, demolieren die Verrückten alle Scheiben der Wasserbehörde. Ich verpetze euch bestimmt nicht; aber was ist mit all den Anderen …?«
Augenblicklich war die Auseinandersetzung vergessen. Jan erhielt einen letzten Stoß und war frei.
Und plötzlich war auch der Wirt wieder da. »Phu ...!« Er wedelte mit der Hand vor dem gerötetem Gesicht. »Das war knapp. Glück gehabt mein Lieber.«
Kosovitschky musterte ihn von oben bis unten.
»Mal ganz ehrlich«, kam es über seine Lippen, »mit dem Glück, das ich hatte, hast du nichts zu tun.«
Grußlos und ohne die Zeche zu bezahlen, verließ Jan die Kneipe. Pieter Wesser konnte ihm nur noch ein paar Schritte hinterher rennen. »Was ist nun mit unserem Geschäft …?«
Kossi würdigte ihn jedoch keiner Antwort.


Auf dem Weg nach Hause hielt sich der Aquarianer so gut es ging von der aufgebrachten Menge fern. Die Leute hatten drohend die Fäuste erhoben, skandierten wütend ihre Losungen, und stießen die Türen von Bars und Kneipen auf.
Aber für heute reichte es dem Eispiraten.
Endlich zu Hause! Tiefe Ruhe …? Nein, ein blinkendes Kommunikationsterminal. Zwei Nachrichten; eine davon vom Amt für Finanzen.
Unruhe befiel Jahn Kosovitschky, denn das konnte wohl kaum etwas Angenehmes bedeuten. Neugierig besah er sich den Titel der zweiten Nachricht. Seine Unruhe steigerte sich noch mehr. Eine Weile taxierte er zwischen beiden Nachrichten, dann öffnete er erst diejenige seiner Teamkollegen.
»Was, ihr auch …?« Vor lauter Zorn hieb er die Faust auf die Schreibtischplatte. »Kündigung!«, las er laut. »Angesichts der jüngsten Maßnahmen der Regierung in Sachen Wasserbeschaffung …!«
Kossi verdrehte missbilligend die Augen. »Feiglinge!«
Und jetzt das Finanzamt.
Minutenlang starrte er auf die Nachricht, bis er sich traute, Zahlen und Postenbenennungen miteinander in Einklang zu bringen. Dann wanderte sein Blick nach unten, zur letzten Zeile, in welcher die Forderungen aufsummiert waren.
Du meine Fresse: Einschließlich Säumniszuschlag, mehr als er jemals auf dem Konto haben würde. Na, darauf brauchte er erst mal einen Schluck.
Benommen begab er sich zur Wohnzimmer-Bar und öffnete die Flügeltüren. Ein Whiskey würde ihm jetzt gut tun. Ein echter ‚King Crown’; sündhaft teuere Schmuggelware, aufgespart für einen ganz besonderen Anlass. Jan goss sich das Glas randvoll, mit der aromatischen, farbig schimmernden Flüssigkeit und kippte sich das Zeug gedankenlos in einem Zug in die ausgetrocknete Kehle.
»Brrr …!«, machte er. »So, und jetzt, was …?«
Er kniff das eine Auge zu. Gut, das Amt forderte eine horrende Nachzahlung; das war ein echtes Problem, aber keines, das sich nicht lösen ließe. Allerdings musste er ab jetzt auf insgesamt zwei seiner Crewmitglieder verzichten, weil sie die Hosen voll hatten. Das verschärfte das Problem natürlich ungemein. Aber ein Jan Kosovitschky ließ sich nicht so leicht unterkriegen: Gleich morgen würde er ein paar Anrufe absetzen. Es wäre doch gelacht, wenn er nicht den einen oder anderen der Star-Aquarianer auf seine Seite ziehen könnte. Schließlich hieß nicht jeder Jan Kosovitschky und kaum ein Name klang in der Szene so gut wie seiner.
Im Prinzip brauchte er ja bloß einen Wassermeteoriten aufzuspüren, der noch nicht von staatlicher Stelle markiert worden war. Nicht umsonst hatte er drei als kontaminiert gekennzeichnete und versiegelte Tanks in seinem Schiff eingebaut. Das war Tarnung genug. Bei den vorherrschenden Preisen konnte er also mit Leichtigkeit den unverschämten Forderungen nachkommen.
Sorge bereitete ihm nur die Mannschaft.
Er konnte keinen Aquarianer aus der offiziellen Liste verpflichten, wenn er nicht Gefahr laufen wollte, schonungslos von den Eispiraten verpfiffen zu werden. Also beschloss er, den Rest seiner früheren Crew anzurufen. Wen zuerst? Paul Schmitz? Also wenn der zusagte …!
Kosovitschky nahm vor dem Terminal Platz und aktivierte die Verbindung.
»Schmitz hier.« Das gegerbte Gesicht seines ehemaligen ersten Offiziers erschien direkt vor ihm im Zimmer.
»Hallo Schmitti«, meldete sich Kossi lässig, »schon gehört?«
Das Hologramm vor ihm nickte. »Wer sollte es nicht gehört haben?«
Kossi suchte nach den richtigen Worten. »Ein Bombengeschäft zu machen, jetzt. Was meinst du?«
Der ehemalige Erste Offizier griente. »Ich habe mir schon gedacht, dass du anrufst.«
»Bist du dabei …?«
»Wer noch?«
Kosovitschky überlegte. Er musste den Mann unbedingt für sich einnehmen. Schmitti war ein echter Meinungsführer. Wenn er Schmitti auf seine Seite bringen konnte, dann hatte er die halbe Miete der Tasche.
»Hab noch mit niemanden geredet«, ag er zurück. »Du weißt doch, du bist für mich der erste Mann!«
Der Gesprächpartner im Hologramm verzog das Gesicht; vermutlich kaufte er Kosovitschky die offensichtliche Schleimerei nicht unbesehen ab. »Mit Gillani«, warf der ehemalige Erste zögerlich ein, »rechne mal lieber nicht. Der steigt bestimmt nicht ein!«
»Hat schon abgesagt!« Kosovitschky gab sich Mühe, damit der andere seine wachsende Erregung nicht bemerkte. »Die Funkerei kann Eric übernehmen.«
»Schon mit ihm gesprochen?«
»Nein«, Kossi zögerte, »aber ich denke schon, dass er dabei ist.«
»Könnte sein …« Die Antwort kam abwägend. »Auf Eric war eigentlich immer Verlass. Und Noridc?«
»Auch abgesagt.«
»Hätte ich nicht anders erwartet, Andy Noridc ist ein erbärmlicher Versager, vergiss ihn! Aber ohne Piloten?«
»Schmitti, pass auf!« Jans Stimme wurde drängend. »Ich mache erst die Sache mit Eric klar und besorge dann zusätzlich einen Mann der unser Mädchen fliegen kann. Bist du dann dabei?«
»Wenn du das hinbekommst Kossi, dann ist es Okay.«
Jan klang erleichtert: »Danke, Schmitti«. Er brach die Verbindung ab.
Das erste Problem war gelöst. Aber wie sollte er die anderen Crewmitglieder in den Griff bekommen? Eric zu überzeugen schien ihm noch ein Leichtes. Der kleine, stets gut aufgelegte Norweger würde sicherlich nicht absagen. Aber wie sollte er in so kurzer Zeit einen fähigen Piloten finden?
Die einzige Möglichkeit schien ihm Paddys Pup zu sein. Dort tummelten sich die Freigänger, lümmelten herum und warteten auf Freunde oder willige Mädchen.
Als Jan das Lokal betrat, schluckte er erst mal trocken. Die Kneipe schien wie leergefegt. Nur in der Ecke saß eine düstere Gestalt, die bei einem leeren Glas vor sich hinbrütete.
Vanderberg …?
Alle kannten ihn. Jeder mied ihn. Früher ein gefragter Pilot, hatte er sich nach seinem letzten Unglück zurückgezogen und nie wieder ein Raumschiff betreten. Wer sich zu ihm an den Tisch setzte, musste damit rechnen, dass er nach einem unerquicklichen Gespräch auch noch übel beschimpft wurde.
Kosovitschky zögerte, aber er musste wohl in den sauren Apfel beißen. Seufzend steuerte er den Tisch an.
»'N Abend Vic.« Der Angeredete grunzte und schaute mit trüb erscheinenden Augen zögerlich von seinem nahezu leeren Glas auf.
»Kossi, was treibt dich hierher?«
»Schon gehört …?«
Vanderberg winkte mit einer müden Handbewegung ab. »Zwei Bier, Herr Wirt! Der hier bezahlt.«
Kossi nahm es hin. »Was denkst du über den Versuch der Regierung, ein neues Wassermonopol zu errichten?«
Mit schwerer Zunge aber bemerkenswert klarem Blick antwortete der Kneipenhocker: »Die verarschen uns bloß! Wer jetzt clever ist, macht ein Heidengeld.«
Kosovitschky registrierte, dass der Kerl noch lange nicht so betrunken war, wie er ursprünglich ausgesehen hatte. Na, ja, die Zeit drängte, und absagen konnte er immer noch; Vic war schließlich einmal einer der Starpiloten gewesen.
»Willst du schnelles Geld machen?«
»Ich?« Der Angetrunkene schien belustigt. »Ich will überhaupt nichts mehr, ich bin bloß der versoffene alte Vic.«
»Hör mal!« Jan setzte alles auf eine Karte. »Ich hab da einen Whiskey zu Hause, ein Wässerchen, da leckst du die Finger.«
Vanderberg kratzte sich am Kopf. »Du willst was von mir. Haben dich denn deine Leute sitzen gelassen?«
»Komm schon«, lockte Kosovitschky, »wir bequatschen das bei mir zu Hause.«
Schwerfällig erhob sich Victor Vanderberg, wartete aber geduldig, bis Jan die Zeche abgebucht hatte, und schloss sich dann leicht wankend dem Hinausgehenden an.

Als sich Jan Kosovitschky am nächsten Morgen mit brummendem Schädel und verquollenen Augen aus dem Bett wälzte, schien es beschlossene Sache: Vic würde die Lucy fliegen. Zwar hatte es sehr viel Zeit gekosten, sowie den Inhalt der ganzen Flasche, aber er hatte die Zustimmung Vanderbergs erhalten. Nun blieb es nur noch zu hoffen, dass Vic bis zum Start sein Versprechen nicht vergessen hatte. Aber die erste Hürde schien genommen, wenn er Vic jetzt zu wecken versuchte und er immer noch wusste, was er in der Nacht versprochen hatte.
Entschlossen begab sich Jan ins Wohnzimmer. Dort stank es ganz erbärmlich nach Alkohol, nach verbrauchter Luft und nach dem tagelang nicht gewaschenen Körper des immer noch friedlich vor sich hin grunzenden Expiloten.
»He Vic!« Kossi rüttelte den Schlafenden. »Komm hoch!«
Mürrisch schlug der Angeredete die Augen auf, nur um sie gleich wieder – geblendet vom Tageslicht – zu schließen. »Ein Bier«, bettelte er krächzend.
»Bleibt es dabei, du machst mit?«
»Ein Bier verdammt noch mal!«
»Nur wenn, du mit dabei bist.«
Hilflos wedelte Vic mit der Hand. »Scheißkerl, ja!«
Seufzend machte sich Kosovitschky auf, das Gewünschte zu besorgen. »Hör zu«, er schwenkte die volle Flasche vor dem Liegenden in der Luft, »ich muss noch mal weg. Zwei Flaschen sind noch da. Mach dir was zu Essen und dann hau ab und schau zu, dass du fit wirst. Brauchst die Tür nur zuzuziehen. Morgen dreizehn Uhr auf dem Startplatz. Klar?«

Eric Larsen, der Funker, wohnte in einem der weniger vornehmen Vierteln der Stadt. Er war ein sparsamer Mensch. Einzig bei Frauen wurde er unvermittelt verschwenderisch. Und so wunderte es Kosovitschky auch nicht, als der Kerl im Arm einer schlanken Blondine die Tür öffnete.
»Mann Kossi, du …!« es klang überschwänglich, »Komm rein, komm rein!«
Zögerlich betrat der Aufgeforderte die Wohnung.
»Ah …, Eric, sag mal, kann ich dich nicht unter vier Augen sprechen …?«
»Du immer!« Der ehemalige Funker wandte sich an die Blondine, »Lass uns mal allein, Schätzchen. Es dauert nicht lange.«
Schmollend verzog sich die aufregend schlanke Gespielin ins Nebenzimmer.
»Ein Bier, Kossi?«
Der Aquarianer wehrte ab. Aber Larson amüsierte sich über dessen verkniffen wirkendes Gesicht.
»Eh Mann«, meinte er, »sieht aus, als hättest du gestern schon mehr als genug getrunken. Was führt Dich zu mir?«
Der Eispirat lächelte gequält, entschied sich jedoch, gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. »Hör mal Eric«, sagte er denn auch gerade heraus, »ich brauche Deine Hilfe.«
»Keine Frage, keine Frage, mein Freund, setz Dich!«
Jan tat, wie ihm geheißen, ließ den Gegenüber jedoch nicht aus den Augen.
»Wir wollen eine neue Tour starten, gleich morgen, ehe sie uns wieder einmal regierungseigene Sperrschilder auf die Eisboliden pflanzen.«
Eric Larsen zögerte. Es schien, als täte es ihm jetzt leid, seine Zusicherung so schnell und unbedacht gegeben zu haben. Sein Kopfschütteln kam dann auch wenig überraschend. »Ohne mich!« Er wirkte plötzlich nüchtern und kalt.
Kosovitschky begann zu schwitzen; das hatte er sich leichter vorgestellt. Aber er brauchte den Freund, sonst sprang auch Schmitti wieder ab.
»Eric«, bettelte er, »lass mich jetzt nicht hängen …!«
Der Angesprochene wirkte jedoch sehr sicher in seiner Entscheidung. »Sonst gern, Mann, aber in der jetzigen Situation; weißt du, das ist Wahnsinn.«
Jan wand sich wie ein Wurm, im Bestreben, griffige Argumente zu finden. »Eric, ich brauche das Geld! «, drängte er. »Du bist doch mein Freund! Denk mal zurück, ich habe dich auch gedeckt, damals bei Louise.«
Eric Larson zögerte. Sein Besucher hatte Recht, auch wenn es jetzt und hier ziemlich unbequem erschien. Freunde waren Freunde. Er musste dafür einstehen, heute oder morgen. Ein Freund in Not ist nun mal ein Freund in Not.
Kosovitschky war jedoch so sehr ins Grübeln versunken, dass er die unvermittelt ausgestreckte Hand einfach übersah.
»He, Alter!«, weckte ihn der Norweger aus der Grübelei. »Ist topp! Schlag ein! Wann geht es los?«
Jan grinste erleichtert. Dankbar schüttelte er Larsons Rechte. Fast hätte er den Freund umarmt, aber das wäre doch wohl ein wenig zu weit gegangen. Die Crew hatte er trotz allem beisammen. Alles paletti! Alles gebongt! Wenn jetzt bloß noch Schmitti mit Vic …!
»Morgen dreizehn Uhr am Startplatz!«, verlangte er.
»Dann bis morgen! Du findest raus?«
Und schon war Larson wieder auf dem Weg zu seiner überaus willigen Gespielin.

Drei Männer standen mehr oder weniger zitternd vor dem betankten Raumschiff. Es waren unterschiedliche Gründe, welche die alten Haudegen frösteln ließen: Jan Kosovitschky machte sich Sorgen, wegen dem unvermeidlichen Zusammentreffen von Schmitti und Vic. Der nüchtern gewordene Vanderberg schien unbedingt einen Schnaps zu brauchen. Und dem blonden Larson war es einfach zu kalt, hier draußen.
Aber dann bog Schmitz wie erwartet um die Ecke und steuerte auf die Gruppe zu. »Jan, grüß dich! Hallo Eric!« Und schon zog er Kosovitschky beiseite.
»Vergiss es!«, knurrte er. »Nicht mit dem da!« Er deutete auf Vic, der den neu Angekommenen seinerseits recht feindselig musterte.
Verflixt und zugenäht: Die Sache drohte schon beim ersten Kontakt zu scheitern. Jan Kosovitschky musste sich schleunigst irgendetwas einfallen lassen. Seine sprichwörtlichen Überredungskünste würden ihn doch nicht gerade jetzt im Stich lassen.
»Du weißt doch«, drängte er, »in der Kürze der Zeit war niemand sonst zu finden.«
»Aber nicht mit dem Bierfass!«
»Bitte Schmitti, mir zuliebe. Du weißt, ich bitte dich nur ungern gerne …!«
Schmitz musterte ihn scharf, aber sein Widerstand schien tatsächlich aufzuweichen. »Na, gut«, knurrte er schließlich. »Nur deswegen. Aber ich habe Dich gewarnt.«

Drei Tage draußen im Meteoritengürtel. Drei lange Tage ohne jegliche Beute. Jeder Eisklumpen, den sie abscannten, trug bereits eine Standarte der Regierung. Die Spannung an Bord wurde langsam unerträglich. Es war offensichtlich: Schmitz konnte Vanderberg nicht ausstehen und dieser gab dem Ersten Offizier seine Ablehnung deutlich zu spüren. Eine unerträgliche Situation. Kosovitschky musste Diplomatie und Charme aufbieten um die aufflammenden Streiterrein in Keimen zu ersticken, bis es dann doch zur Auseinandersetzung kam.
Sie steuerten gerade einen neuen, vielversprechenden Meteoriten an. »Eisklumpen Steuerbord«, meldete Larson.
Schmitz schaute auf. »Wendung, fünfundvierzig Grad!«, kommandierte er zu Vanderberg gewandt.
»Unsinn!«, kam es zurück.
Die Stimme des Ersten wurde schrill: »Wendung um fünfundvierzig Grad!«
Der Pilot hielt wortlos den Kurs, um schließlich doch noch einen eleganten Turn mit einer zweihundertsiebzig Grad Schleife einzuleiten. Der Schlepper kam tatsächlich backbords neben dem Eisbrocken zu liegen, ohne jedoch das Haupttriebwerk benutzt zu haben. Seine Nase zeigte nun sonnenwärts und deutete auf den farbenfrohen Ringnebel in der Galaxisnabe. Vandenberg deaktivierte die Triebwerkskontrollen und lehnte sich demonstrativ zufrieden zurück.
Mit zusammengekniffenen Lippen hatte der Erste Offizier das Manöver verfolgt. Seine Augen loderten. Es schien, als wolle er dem Piloten an die Gurgel fahren. »Sie verlassen sofort den Befehlsstand!«, ordnete er an.
Vic Vanderberg erhob sich gleichmütig und begab sich wortlos in seine Kabine. Aufgebracht eilte Schmitz zur Kajüte des Kapitäns.
»Kossi«, schimpfte er, »so geht das nicht! Das ist offene Auflehnung. In der Armee hätte der Kerl bereits Arrest. Kläre bitte, wer hier das Sagen hat!«
Kosovitschky blickte leicht genervt von der Konsole auf. Er hatte sich in die elektronischen Sternkarten vertieft, um nach Möglichkeit weitere unmarkierte Meteoriten lokalisieren zu können. »Was gibt’s denn, Schmitti?«
Der Erste merkte wohl, dass die Stimme des Kapitäns gereizt klang, war aber selbst zu sehr geladen, als dass er hätte einlenken können.
»Nimm den Mann vom Steuerpult weg«, verlangte er, »oder es passiert ein Unglück! Der Kerl ist untragbar!«
Aufgeregt rechtfertigte der Erste Offizier die Situation und natürlich schilderte er sie zu seinen Gunsten. Kossi biss sich auf die Lippen. Wer ihn sah, konnte glauben, er sei die Ruhe selbst. Nur das nervöse Zucken eines seiner Augenlider verriet die Anspannung, unter der er sich befand.
»Und was nun?«, erkundigte er sich, bemüht aus seiner Stimme die Härte zu nehmen. »Wollen wir entweder ohne Ersten Offizier oder aber ohne Piloten weitermachen? Paul, ag, gehört es nicht zu deinen Aufgaben Menschen zu führen? Denkst du nicht, ich hätte deine Aversion gegen Vic nicht bemerkt? War seine elegante Annäherungsparabel nicht sparsamer als eine simple Hundskurve nach deinen Anweisungen?«
Schmitz kaute auf der Unterlippe. Er rang mit sich. »Besser oder schlechter«, knurrte er dann. »Wer ist der Erste Offizier an Bord, er oder ich?«
»Na, du!« Kosovitschky nickte bestätigend. »Aber Paul, muss ich dir denn wirklich erklären, dass wir alle aufeinander angewiesen sind?«
»Er hat zu gehorchen«, beharrte der Aufgebrachte knurrend.
Aber Jan trat auf ihn zu. »Besteht die Kunst nicht auch darin, Niederlagen zuzugeben? Komm Alter«, er fasste den Freund an der Schulter, »Du bist doch kein rechthaberischer Zeitgenosse. Du doch nicht.«
»Er soll seine Klappe halten, in Zukunft!«
Schmitz machte sich tatsächlich los und verließ den Raum. Kosovitschky seufzte. Die schwierigere Aufgabe, so meinte er, stünde ihm noch bevor. Unwillig machte er sich auf den Weg zu Vanderberg. Doch dieser hörte sich seine Überredungskünste wortlos an. Genauso wortlos nahm er aber den Platz am Steuerpult wieder ein. Man konnte ihm natürlich nicht ansehen, was er dachte, aber der Kapitän atmete auf.

»Bereit zum entern!«
Die Mannschaft machte sich an den Apparaturen der Schleppeinrichtung zu schaffen. Eine Menge Geld schien da draußen vor den Luken herumzudümpeln. Der Bolide schimmerte bläulich weiß im schwachen Licht der weit entfernten Sonne. Eis! Pures, blankes, gewinnbringendes Eis. Für die Mannschaft war der Schatz da draußen wertvoller als der wertvollste Diamant des gesamten Universums. Und das Wichtigste: Der Brocken war noch nicht gekennzeichnet. Er war frei für die Bergung. Wahrlich eine dicke, fette Beute!
»Warte, warte, warte!« Das war Eric. »Seid doch mal still!«
Sie hörten auf, an den Apparaturen herumzuhantieren und schauten neugierig auf den Funker, der sich das Headset über die Ohren gezogen hatte und aufmerksam lauschte. Seine Finger spielten nervös an den Empfangseinstellungen des Kommunikationsgerätes herum. Kossi, der Kapitän, wollte sich nach dem Grund für die Unterbrechung erkundigen, aber der Funker hielt ihm abwehrend die Hand entgegen. »Wir sind nicht allein, hier draußen.«, äußerte er dann leise. »Ich empfange da was …!«
Erneut hob er die Hand, obwohl niemand zu sprechen wagte. »Klingt wie ein Störsender, oder wie ein kaputtes Schwebefahrzeug, das in die Werkstatt sollte.«

Fortsetzung im nächsten Beitrag

#3 RE: DIE EISPIRATEN von Drachenherz 26.10.2021 17:04

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FORTSETZUNG:

»Welche Sprache?« Das war Paul Schmitz, der nur zu flüstern wagte.
»Keine Sprache. Nur Geräusche. Wie von einem Ufo!«
»Himmel Herrgott …!« Das kam von Vic. Der Pilot starrte überrascht durch die Frontscheibe auf etwas, das aufgrund seiner konstanten Annäherung in rasender Schnelle größer und größer wurde.
»Das glaubst du nicht: Die Schweine sind uns gefolgt!«
»Ein Armeekreuzer«, stellte Schmitti trocken fest. »Verdammt! Wir haben noch keinen Fangschuss abgesetzt. Die jagen uns die Beute ab, vor unserer Nase; sie brauchen nur die Standarte mit einer Sonde abzufeuern, und wir haben das Nachsehen …!«
»Übel, übel«, schimpfte Eric.
Urplötzlich wurden sie von einer gewaltigen Kraft in die Sessel gepresst. Der Eisblock vor den Sichtluken schien heckwärts auszuwandern, während die Rumpfzelle des Schleppers unter der Kraftentfaltung des Haupttriebswerks vibrierte. Victor Vanderberg schien volle Kanne zu beschleunigen.
»Schnaps!«, kam es krächzend aus seinem Munde. »Jetzt brauche ich eine sichere Hand!«
Das fehlte noch, dachte Kossi, aber als Kapitän des Kastens, hatte er sowieso den Schwarzen Peter gezogen, vor allem, wenn Vic das angefangene Manöver versaubeutelte. So beschloss er, einfach nicht weiter über die Folgen nachzudenken. Natürlich hatte er keinen Alkohol an Bord. Er musste jedoch handeln, rein aus dem Bauch heraus.
Mühsam kämpfte er sich zum Arzneischrank durch, angelte sich eine große Flasche Magentropfen und drückte sie Vanderberg in die ausgestreckte Hand. Der nahm sie, ohne hinzusehen, und leerte sie in einem Zug. Klirrend zersprang die leere Flasche auf dem Metallboden, während sich der Pilot mit verzerrtem Gesicht schüttelte als hätte er Galle getrunken.
»Na also«, entließ er, als er sich schließlich beruhigt hatte. »Geht doch …!«
Der sich nähernde Kreuzer da vor dem Bug wuchs gefährlich schnell auf sie zu.
»Sie warnen uns!«, meldete Eric aufgeregt. »Sie würden uns einäschern!«
»Auf den Lautsprecher!«, befahl der Kapitän.
»Schlepper QRZ 124!«, quakte es zwischen all den Störgeräuschen. »Ändern Sie sofort den Kurs. Unsere Mannschaft hat Befehl Sie bei weiterer Annäherung zu eliminieren!«
Die unmissverständliche Drohung schien die Kabine des Schleppers auszufüllen und für die Crewmitglieder schmerzhaft greifbar zu werden. Doch Victor Vanderberg reagierte nicht auf sie. Er hielt den Schlepper auf Kollisionskurs und steuerte genau auf die Kommandosektion des Kreuzers zu.
»Hör auf!« brüllte Schmitz. »Hör sofort auf, mit dem Blödsinn!« Der Erste Offizier war offensichtlich am Ende seiner Beherrschung angelangt. Er fuhr herum, aber gerade als er dem Piloten an den Kragen gehen wollte, löste sich ein Leitstrahl aus einem der mächtigen Geschütze des näher kommenden Kreuzers. Das bedeutete auf keinen Fall bloß die Vorbereitung zu einem Warnschuss. Eric hielt sich entsetzt die Hände vors Gesicht.
Doch im selben Moment zwang Vic den Schlepper in eine enge Kurve. Das Blut wich dem Ersten Offizier aus dem Gesicht, und die bleiche Crew krallte sich mit schmerzenden Fingern in die Armlehnen der Kontursessel.
Und dann wurde es taghell in der Schlepper-Zentrale, als der vorbeijagende Strahl die Steuerbordluken passierte und schließlich in der Unendlichkeit verschwand. Erneut wendete Vic den Schlepper. Und schließlich lag die Lucy mit schweigenden Triebwerken dem riesig erscheinenden Flottenkreuzer direkt gegenüber.
Schmitz war aufgesprungen und fuchtelte drohen vor dem Piloten herum. Doch Vanderberg erhob sich gleichmütig, blieb furchtlos vor dem Ersten Offizier stehen, wandte sich aber ganz offensichtlich an den Kapitän.
»Wir haben den Fangschuss gesetzt!«, meldete er. »Und nun gehabt Euch wohl.«
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verließ er die Zentrale.
Staunend schauten die Mitglieder der Crew auf den zentralen Bildschirm. Und, tatsächlich, während des riskanten Manövers war es dem Piloten gelungen, das Fanggeschütz auszulösen, und die Besitzerstandarde auf der Oberfläche des Eisboliden zu platzieren.
»Teufelskerl!«, murmelte Eric. Er erntete einen missbilligenden Blick von Schmitz.
Die Lautsprecher meldeten sich erneut.
»Halten Sie Ihre Position«, quakte die Membrane. »In Kürze werden Sie unser Kommando an Bord nehmen.«
Bevor Kosovitschky etwas entgegnen konnte, brach die Verbindung ab. Eric tippte nervös auf der Tastatur herum. »Was machen wir nun?«
Der Kapitän stand auf. »Warten, natürlich. Noch ist nicht aller Tage Abend.«

Es dauerte nicht lange und ein Fluggleiter der Flotte steuerte auf ihren Schlepper zu.
»Bitten um Aufnahme!« Die gängige Formel für einen strengen Befehl.
Paul Schmitz schaute Kosovitschky an. Der nickte unmerklich. Und schon zwei Minuten später betrat ein Offizier, von drei schwer bewaffneten Hünen begleitet, die Kommandozentrale. Er triefte förmlich vor übertriebenem Selbstbewusstsein. Aber das hatte er anscheinend auch nötig, denn aus der Nähe betrachtet, war es bloß die Uniform, die diesem Sitzriesen mit dem langen Oberkörper und den affenartig herabhängenden Armen ein klein wenig Würde verlieh. Und natürlich sein Rang, wie auch immer er ihn erreicht haben mochte.
Als er den Kapitäns erblickte, stahl sich ein hämisches Grinsen in das bleiche Gesicht. »Ach, sieh an«, bemerkte er, »ein alter Bekannter. Ja mein Freund, diesmal geht es nicht so billig ab wie in der Kneipe.«
Dann wurde er wieder sachlich. »Major Fred Vorweck«, stellte er sich vor. »Betrachten Sie das Schiff als beschlagnahmt.«
Unter äußerster Anspannung, aber scheinbar ruhig stellte sich der Kapitän des Schleppers direkt vor ihn hin.
»Kosovitschky«, stellte er sich seinerseits vor, »Kapitän des Schleppers QRZ 124, Lucy. Würden Sie sich bitte ausweisen!«
Der Major schien irritiert. Er hatte wohl erwartet, ein wenig mehr Eindruck mit seinem Auftreten hervorzurufen. Aber laut Reglement hatte er sich tatsächlich auszuweisen. Notgedrungen nestelte er an der Brusttasche herum und hielt dem Herangetretenen schließlich die Papiere entgegen.
Jan stellte sich dem Offizier so nahe gegenüber, dass dieser gezwungen war, zu ihm aufzuschauen; das brachte diesen tatsächlich dazu, nervös zu blinzeln.
Jan Kosovitschky vertiefte sich scheinbar gewissenhaft in die Unterlagen, ohne jedoch wirklich darin zu lesen »So, so, es handelt sich also um amtliche Regierungstruppen«, stellte er lapidar fest, ehe er die Papiere zurückreichte. »Und was wünschen Sie?«
Der Offizier versteifte sich und wippte auf den Zehenspitzen. »Hiermit ist Ihr Schiff beschlagnahmt! Sie alle«, er schaute sich in der Zentrale um und schien dabei nach und nach seine Überlegenheit zurückzugewinnen, »unterstehen bis auf weiteres meinem Kommando!«
»Aha …!« Kosovitschky spielte den Erstaunten. »Und wo ist Ihr regierungsamtlicher Übernahmebefehl? Wissen Sie, mein Guter, wir sind steuerzahlende Bürger, und ohne offizielle Genehmigung unserer Regierung übernehmen Sie hier überhaupt nichts.«
»Achtung!«, bellte der Major, und die Crew schaute in die Mündungen dreier Laserwaffen. Und dennoch schien Kosovitschky ruhig zu bleiben.
»Sind ihre Vorgesetzten darüber informiert, dass Sie willkürlich und ohne ausdrücklichen Haftbefehl unbescholtene Bürger bedrohen? Wer ist denn Kommandierender Befehlshaber auf ihrem Kreuzer?«
Der Offizier blinzelte.
»General, äh, McCammacio.«
»Nun«, fuhr Kosovitschky fort, »dann werde ich Herrn General, Äh McCammacio im Detail berichten, auf welche rüde Weise Sie hier Ihre Kompetenzen überschreiten.«
Der Mann kaute eine Weile an dem herum, was er jetzt sagen wollte. »Sie sind auf Kollisionskurs zu einem Armeeschiff gegangen«, kam es schließlich dann über seine Lippen, »das ist im günstigsten Falle strafbar.«
»Kollisionskurs?«, erkundigte sich Kosovitschky milde und schaute sich demonstrativ um, »eine Ausfallfunktion, oder?«
Die Männer in der Kabine nickten synchron ihre Bestätigung. Kossi schnitt eine schmerzlich wirkende Grimasse. »Es gibt allerdings«, fuhr er gedehnt fort, »noch einen kleinen Gefahrenpunkt bei dieser Sache.« Er deutete mit einem Kopfnicken auf Eric, der plötzlich aufmerksam wurde. »Sehen Sie diesen Mann dort? Wenn er erschrickt und seine Hand fallen lässt – und er wird beim ersten Schuss erschrecken und die Hand fallen lassen – dann können wir nicht verhindern, dass unser Schiff in Ihren schönen Kreuzer rast. Von Ihnen und Ihren Gorillas wird dann nicht mehr viel übrig bleiben. Haben Sie Familie?«
Der Major fand sich von der Frage so sehr überrumpelt, dass er sie mit einem Nicken beantwortete.
Jan schmunzelte diabolisch. »Was werden Ihre Kinder sagen, wenn man ihren toten Vater als den größten Versager im Eismeteoritenkonflikt bezeichnet?«
Es schien, als wolle der Major etwas erwidern. Allerdings kam kein Wort über seine Lippen. Kossi kniff ein Auge zu. »Also, Major Fred Vorneweg«, fuhr er mit sanfter Stimme fort. »Wenn ihre Affen nicht augenblicklich diese gefährlichen Spielzeuge wegstecken, erleiden wir ein schlimmes Unglück, bevor Sie noch ‚O’, gesagt haben. Und jetzt schieben Sie ihren Hintern aus meinen Schiff.«
Der Major zögerte, schien sich aber langsam wieder zu fassen. Flink aktivierte er eine Sprechverbindung zum Kreuzer. Eric Larson, der Funker, machte eine kaum sichtbare Bewegung. In der Folge untersuchte der Offizier erstaunt sein Gerät. »Keine Verbindung …!«, kam es verdutzt über seine Lippen.
Der Norweger grinste, wurde aber sofort wieder ernst, als Kosovitschky ihn zwinkernd ins Auge fasste.
»Major«, wandte sich der Eispirat schließlich an den Kleinen, ohne ihn anzusehen, »und jetzt bitte raus hier! Alle Vier! Ich kann sonst für nichts garantieren.«
Zweimal prüfte der Major noch die Verbindung, ehe er sich zögerlich dem Schott zuwandte und seinen Männern Zeichen gab. Doch vor dem Verlassen des Schleppers wandte sich der Offizier noch einmal an den Aquarianer.
»Das werden Sie noch bitter bereuen!«, versprach er ihm. »Dafür werde ich sorgen.«
Gelächter aus den Reihen der Crew antwortete ihm.
»Sorgen Sie dafür!«, knurrte der Kapitän. »Sorgen Sie nur dafür …!«
Doch das Gelächter war gespielt. Den Zurückbleibenden stand der Schweiß auf der Stirn.
Nur der Funker meldete sich fröhlich: »Ihr wisst aber schon«, meinte er jovial, »dass ich die Hand die ganze Zeit über auf dem Sprechknopf hatte?«
»Wie, jetzt …?«, erkundigte sich Schmitti. »Haben die Leute im Kreuzer das alles mit angehört …?«
Diesmal war das Lachen der Crew nicht bloß gespielt. Es klang sogar ausnehmend erleichtert. Auch der sonst so ernst wirkende Vanderberg grinste, als er sich an Schmitz vorbeidrängte um seinen Platz wieder einzunehmen.

Es dauerte nicht lange, da meldete sich der Flottenkreuzer erneut, was alle in die Wirklichkeit zurückholte. Noch immer lagen sie einem schwer bewaffneten Schlachtschiff gegenüber, und immer noch hatten die Kanoniere ihre mächtigen Rohre auf den Schlepper gerichtet.
»General McCammacio hier. Kapitän, äh ... äh …«
»Kosovitschky!«, half Jan bereitwillig nach.«
»Kapitän Kosovitschky, Sie behindern die Ausführung eines wichtigen Auftrag eines bewaffneten Kreuzers der Regierung Drydens. Ihrer Regierung.«
Jan gab sich redliche Mühe forsch zu klingen: »Ich sehe das nicht so. Es gibt keine Bestimmung, die verbietet Eismeteoriten, die nicht gekennzeichnet sind einzubringen.«
Einige Augenblicke war nichts zu hören. Dann: »Ich befehle Ihnen das Objekt freizugeben!«
Jan Kosovitschky schöpfte Atem.
»Sie haben mir – mit Verlaub Sir – nichts zu befehlen!«
Leere Worte, wie er sehr wohl fühlte. Das Gesagte würde den vorausbestimmten Ausgang der Angelegenheit sicherlich nicht beeinflussen können. Die Maus kann der Katze nicht befehlen, und für eine Flucht standen die Chancen überhaupt nicht gut, ganz zu schweigen von deren Folgen.
In diesem Augenblick winke Eric aufgeregt. »Da ist es wieder«, krächzte er erregt, »dieses unheimliche Geräusch. Es kommt überhaupt nicht vom Kreuzer. Es kommt von …!«
Er verstummte und blickte sich ratlos um.
»Von dort draußen!« ergänzte Schmitz und deutete aufgeregt auf den Schirm.
Ein dunkler Schatten schob sich im Schein der Sterne vor den bleichen Fleck der weit entfernten Sonne und setzte sich jenseits des schimmernden Eisbrockens zwischen Kreuzer und Schlepper. Ein rußiger, zerklüfteter Planetoid, scheinbar bloß aus schwarzen Legosteinen zusammengesteckt, größer noch als der monströs erscheinende Kreuzer der Flotte. Er hatte sich an dem schimmernden Juwel des Eisboliden festgesaugt und klebte nun an der begehrten Beute wie eine Fliege am Honig. Mit offenem Mund starrte Eric Larsen auf das Monster. »Was zum Teufel ist das …?«
Die Stimme des Generals meldete sich wieder: »Kapitän Kosovitschky, lösen Sie den Fangschuss und bringen Sie sich in Sicherheit. Sofort …!«
»Vic«, befahl Jan, »besser wir führen das Manöver aus! Los, los, los!«
Doch nichts passierte. Vanderberg saß vor dem Pult und schien zu zittern. Das auch noch! Kossi wusste ja im Prinzip Bescheid über dessen Probleme; offensichtlich weilte der Unglückliche durch den neuerlichen Schock wieder einmal mental in der Vergangenheit.
Damals, vor fünf Jahren, wollte der Starpilot – in einem durchaus üblichen Manöver – einen Meteoriten auf Kurs bringen. Aber das verantwortliche Crewmitglied hatte bei der Inspektion einen Fehler am Ablösemechanismus übersehen. Eine Kleinigkeit eigentlich, und auch im Raum schnell zu beheben. Doch der zweite Sicherheits-Check war von der Crew einfach unterlassen worden. Die Fangvorrichtung löste sich nicht rechtzeitig vom Meteoriten, und das Raumschiff sauste in elegantem Bogen auf die Oberfläche zu, wo es in Tausend Trümmer zerschellte.
Wie durch ein Wunder überlebte Vic Vanderberg mehrere Stunden lang in den Trümmern des Wracks. Er hatte miterleben müssen, wie sein Sauerstoffvorrat nach und nach zu Ende ging. Wie er schließlich gerettet wurde, wusste er nicht. Und seitdem hatte der Mann nie wieder ein Schiff gesteuert.
Jan trat auf ihn zu, aber der Pilot erschrak bloß. »Ich, ich kann nicht«, stotterte er schluchzend und schüttelte unentwegt den Kopf. Die Arme hatte er seitwärts ausgestreckt, als wolle er um jeden Preis eine Berührung mit dem Schaltpult vermeiden. Sowohl Schmitz, als auch Larsen waren verstummt.
Kosovitschky jedoch legte dem Piloten beruhigend die Hand auf die Schulter. Leise und behutsam, wie mit einem Kind, begann er zu sprechen. »Vic, es geht. Es geht alles! So was passiert nur einmal. Komm, beweise uns was du kannst.«
Der Mann am Steuer stierte nach wie vor auf den Schirm. Plötzlich machte er eine Bewegung, ganz so, als wollte er seine Gedanken beiseite schieben. Tief schöpfte er Atem und hantierte dann flink an den Kontrollen. Der riesige Kreuzer vor den Luken begann rückwärts auszuwandern und kleiner zu werden.
»Jaaa …!«
Und der Schlepper QRZ 124, Lucy, schob sich langsam und scheinbar unbemerkt hinter den Horizont des Eismeteoriten.
»Gut gemacht Vic«, lobte Jan Kosovitschky seinen Piloten und klopfte ihm auf die Schulter. Aber plötzlich fiel sein Blick auf den Bildschirm, und sofort ärgerte er sich mächtig.
»Seht Euch das an!«, fauchte er zornig. »Während wir uns in Sicherheit brachten, haben die Schweine ihre eigene Standarte auf dem Meteoriten gesetzt! Elende Drecksäcke!«
Sein Zornausbruch wurde von den Worten aus dem Lautsprecher unterbrochen. Es war die Stimme des Generals.
»Kosovitschky, hören Sie …?«
»Arschloch …!« Der Kapitän hatte diesen üblen Ausrutscher einfach nicht verhindern können.
Einen Moment lang war Stille am anderen Ende der Leitung, dann änderten sich die Hintergrundgeräusche.
»Hier Major Vorweck!« Unverhohlene Genugtuung sprach aus diesen Worten. »Hören Sie, Kapitän: Der Meteorit wurde vorsorglich zum Regierungseigentum erklärt, das verstehen Sie doch, oder?«
»Kosovitschky!« Das war wieder der General. »Wir haben erst einmal klare Verhältnisse geschaffen. Nach interplanetarem Recht gehört das Eis jetzt uns.«
»Nach interplanetarem Recht?« Jan klang reichlich sarkastisch. »Sie glauben wirklich, dass die Fremden da in dem Monster-Ufo unser lächerliches Rechtssystem akzeptieren?«
»Sie müssen!«, kam die knappe Antwort. »Sie müssen!«
»General«, entrang es sich Jans Lippen, »Sie gestatten, dass ich lache. Woher rührt bloß Ihre unerschütterliche Überzeugung?«
Ein unwilliges Schnauben. »Also hören Sie Kapitän Kosovitschky, das sind interstellare Banditen, die uns die Wasservorräte rauben wollen und damit unsere Existenz gefährden. Zu Ihrer Information: Gerade wurden Rohrleitungen von diesem Objekt in den Meteoriten gebohrt. Wir sind nicht gewillt, eine solche Überschreitung unserer Rechte zu dulden! Ich stelle Sie, nach der Vorschrift zur Sicherheit des Planeten Dryden, unter meinen Befehl! Sie werden jetzt beschleunigen und eine Position von zweihundertsechzig Grad zu diesem Objekt beziehen. Das wird die Fremden ablenken, während wir unseren Angriff eröffnen.«
Kosovitschky tippte sich bezeichnend an die Stirn. Er hatte schon viel erlebt, aber solchen Größenwahn noch nicht: Lucy und die Crew sollten geopfert werden …
Der Funker drängte sich nach vorne. »Er hat recht, Kossi: Irgendwie müssen wir uns doch wehren!«
Kosovitschky wurde unwirsch: »Wehren, Eric, wehren? Die wollen uns verheizen!«
Mit dem Fingerknöchel pochte er auf das Pult.
»Weißt du, Eric, es geht hier bloß um Informationen. Aber Informationen sind nur das Eine; es hängt stets und immer davon ab, wer sie gibt, und wie sie einzuordnen sind. Informationen sind nur ein Teil unseres Wissens, und wir wissen weder wer da draußen ist, noch was er vorhat.« Er schöpfte Atem, ehe er fortfuhr: »Damals, in der Auseinandersetzung zwischen der Armee und den Siedlern auf … «
Er wurde durch erschrockene Ausrufe unterbrochen. Die Leute der Crew wollten sich hierhin und dahin wenden, weil ein niederfrequenter Brummton von ihnen Besitz ergriff, von dem keiner wusste, woher er kam.
Einige freiliegenden Gegenstände begannen zu vibrieren. Und dann bewegte sich ihr Schlepper. Nicht dass er mit eigenem Antrieb auf Kurs gegangen wäre, nein, es schien vielmehr so, als hätte ihn jemand angefasst und sanft angeschoben.
Eric sprang auf. »Was tun die mit uns …?«
Vic Vanderberg arbeitete wie verrückt an den Kontrollen.
»Verdammt«, fluchte er, »das ist ganz bestimmt nicht die Armee!«
»Bestimmt nicht«, stimmte Kossi zu. »Kannst du nicht ausbrechen, Vic?«
»Keine Chance Captain! Ich habe alle Reaktoren auf Volllast. Aber die treiben mit uns was sie wollen ... !«
Langsam wurden sie hinter dem Meteoriten hervorgezogen. Der Horizont tauchte auf, wanderte unter den Kiel. Und da lag der fremde, dunkle Riese. Unheimlich. Bedrohlich. Wie ein Untier aus einem fremden Universum. Und dieses Untier hielt den Schlepper fest gepackt mit seiner unsichtbaren Faust und schob ihn fort von dem Eisklumpen, fort von dem Kreuzer in einem flachen Winkel über dem Horizont. Die hart gesottenen Crewmitglieder kämpften vergeblich gegen das flaue Gefühl in der Magengrube an.
»Zum Abschuss freigegeben …?«, erkundigte sich Eric ängstlich. »Wir? Jetzt …?«
Alle hatten sie diese Befürchtung, aber keiner sonst wagte, sie auszusprechen. Vic hörte auf, an den Kontrollen herumzuhantieren. Das Schiff bewegte sich trotzdem langsam und stetig in den tiefen Raum hinein. Hilflos, ganz der Willkür einer fremden Macht ausgeliefert, ballten die Männer in der Zentrale die Fäuste. Ungefähr dort, wo der General sie ohnehin hatte haben wollen, verharrte das kleine Schiff.
»Bloß weg hier«, flüsterte Schmitz. »Wenn die Geschütze des Kreuzers loslegen, befinden wir uns im Kochtopf des Teufels!«
Vic Vanderberg beugte sich hurtig über die Kontrollen, tippte seine Befehle ein und gab vollen Schub. Das Bullern und Heulen der Triebwerke wurde über die Rumpfhülle bis in die Zentrale übertragen. Es steigerte sich zu einem dunklen, durchdringenden Pfeifen. Schon begannen die Wände zu vibrieren. Doch die Position des Schleppers änderte sich nicht im Geringsten.
»Aufhören«, schrie Kosovitschky, »die Verankerungen reißen!«
Schlagartig trat Stille ein. Eine schmerzende Stille nach dem ohrenbetäubenden Lärm. Der Kapitän versuchte sich zu orientieren, doch die Besatzung des Flottenkreuzers schien nur auf diesen Augenblick gewartet zu haben. Im Glauben, die Aufmerksamkeit des feindlichen Objektes wenigstens für Sekunden auf die Lucy gelenkt zu haben, schien der Kommandant den Angriff befohlen zu haben.
Augenblicklich eröffneten die Geschütze das Feuer.
Was für ein Spektakel: Salven gelbrot glühender Strahlenbündel durchquerten den leeren Raum zwischen dem Kreuzer und dem schweigenden Alien-Raumschiff. Wie in Zeitlupe brandete dort unten ein unvorstellbares Inferno auf, in welchem das riesige Ufo regelrecht badete. Fast schien es, als verbrenne sein Metall bis aufs allerletzte Molekül.
Aber der Schein trog. In einer Feuerpause erschien das Monster schwarz und riesig und gefährlich, wie eh und je; es zeigte sich vollkommen unbeschädigt.
Drüben, am Flottenkreuzer, bot sich ein neuerliches Schauspiel: Die Schotten sprangen auf. Raumjäger schossen heraus, einer nach dem anderen. Sie formierten sich zur todbringenden Staffel und stürzten sich hinab auf den Riesen über dem schillernden Eis. Lenkraketen jagten aus den Schächten und kurvten in weitem Bogen auf das unbekannte Objekt zu. Erneut tobte ein grausiges Feuerwerk über dem Fremdkörper.
Dann formierten sich die Einheiten zu einem dritten Angriff.
Bleich standen die Männer der Lucy in ihrer Zentrale und verfolgten das wahnwitzige Schauspiel. Schmitz hielt sich an Vics Schulter fest, als hätte er nicht nachgerade Streit mit ihm. Wie lange würde das fremde Raumfahrzeug einem solch massiven Angriff standhalten? Es konnte doch nur noch Sekunden dauern bis …
In der Zentrale war plötzlich ein Knattern und Pfeifen zu hören. Hintergrundgeräusche drangen aus dem Lautsprecher, vermischt mit den unheimlichen Summgeräuschen des fremden Besuchers und den undeutlich klingenden Stimmen menschlicher Wesen.
»Stern an Komm …«, sagte die Lautsprechermembrane. »Objekt … Zielbereich.«
Schmitz und Vanderberg schaute sich verdutzt an.
»Eric!« Kosovitschky stand bleich neben dem Funker. »Was empfangen wir da?«
Der Angesprochene hob die Schultern. »Möglicherweise sind wir in den Frequenzbereich der Raumjäger gerutscht.«
Von Störgeräusch überlagert sprachen die unheimlichen Stimmen weiter.
»An Kommand … … erst … Schuss …«
Es rauschte stärker. Eric Larsen bemühte sich fieberhaft den Empfang zu verbessern. Aber die Worte wurden kaum klarer und verständlicher.
»Ich kann nichts mehr sehen, alles verschwimmt … werde abgestoßen. Jäger kreis … Hel … mi …!«
Dann war Stille. Nur noch das maschinell klingende Summen des Besuchers und die Störgeräusche des Alls waren zu vernehmen. Die Stille schmerzte in den Ohren der Männer.
Draußen im Raum aber schien sich, ausgehend vom Raumschiff der Aliens, ein schillernder Ballon zu bilden, als säße dort ein Kind und forme eine monströse Seifenblase. Die Abbildung der Sterne auf der schlierenbedeckten Oberfläche wurde merkwürdig unscharf. Der Rumpf des Schleppers schien von einer Serie anrollender Wellen erfasst zu werden. Die Männer spürten die sanften Bewegungen des Rumpfes wie Seegang auf den Planken eines Trawlers.
Und dann änderte sich von einem Augenblick auf den anderen die Darstellung auf dem Bildschirm:
Gerade noch zeigte er die Phalanx der Raumjäger und die leuchtenden Spuren der dahinjagenden Raketen, und dann, auf einmal, noch ehe die erste Rakete der dritten Welle ihr Ziel erreicht hatte, noch ehe der erste Raumjäger seine Geschütze abfeuern konnte, rabenschwarze Nacht. Dort, wo noch einen Augenblick zuvor das flammende Inferno getobt hatte, klaffte plötzlich ein abgrundtiefes Loch im Universum. Alles war verschwunden: Kreuzer, Raumjäger, Raketen. Ein schwarzer Schlund hatte sich aufgetan und alles Materielle verschlungen.

Im Schlepper herrschte Stille. Die Leute hatten aufgehört zu atmen. Der Funker fing sich als erster. »Leute«, erkundigte er sich mit schwerer Zunge, »wie – um alles in der Welt – haben die das bloß gemacht …?«
Schmitz hob benommen die Schultern. »Sah aus wie …, na eben wie eine Veränderung der Raumstruktur.«
Der Kapitän, versuchte sich zu räuspern; doch vergeblich. »Jetzt, schätze ich«, kam es rau von seinen Lippen, «sind wohl wir die nächsten Opfer …«
Und, in der Tat, vom unbeleuchteten Rumpf des außerirdischen Besuchers ging ein Netz grünlicher Wellen aus. Sie brachen sich ineinander, bildeten Interferenzen und Strudel, zirkelten und verwoben sich. Lucy, der Schlepper, wurde gänzlich von dem grün irisierenden Nordlicht eingehüllt.
»Vater uns«, kam es von Larsen, »der du bis im Himmel.«
»Eh Mann!« Kosovitschkys Stimme klang belegt. »Hör auf zu beten und sag an: kannst du irgendetwas erkennen?«
»Nein, Kossi …, absolut nichts!«
Die Männer vergaßen das Atmen. In der nächsten Sekunde würde sicher alles zu Ende sein. Sie würden im Nichts verschwinden, wie die Raumgleiter vor ihnen. Vielleicht würden auch die Antimateriekäfige des Schleppers Mann und Maus und Schiff und Motoren in einem gigantischen Feuerwerk zerreißen und die einzelnen Atome in sämtlichen Richtungen des dreidimensionalen Universums zerstäuben.
Doch plötzlich war alles vorbei.
So wie es begonnen hatte, so endete es auch. Vor ihnen breitete sich unvermittelt der leere Raum aus, so als wäre in den unendlichen Äonen der vergangenen Zeitalter nicht das Geringste passiert. Totenstille herrschte für eine Weile in der Steuerzentrale.
»Männer!« Eric klang fassungslos. »Seht Euch das an!«
Vor ihnen, im bleichen Licht der weit entfernten Sonne, glitzerten die vielfarbigen Facetten eines wunderschönen Kristalls. Ein Kunstwerk! Ein Juwel von erhebendem Anblick. Verschwunden blieb der schwer bewaffnete Flottenkreuzer. Verschwunden blieb das Alien-Raumschiff. Verschwunden blieb der Eisblock, das einstige Ziel ihrer Begierden. Seinen Platz hatte ein riesiger, funkelnder Diamant eingenommen. Ein blitzender Edelstein, der sich langsam und majestätisch um seine zentrale Achse drehte.
Die Crew war sprachlos und stumm – bis auf den unverwüstlichen Larsen. »Wir haben den Klumpen …!«, krähte er jubelnd. »Härte zehn! Juhu, Leute, also ran an den Speck!«
Jan Kosovitschky streckte ihm abwehrend die Hand entgegen und brachte ihn damit zum schweigen.
»Keiner rührt das an!«, flüsterte der Schiffseigner, benommen von all der funkelnden Pracht, »Keiner macht kaputt, was die hier geschaffen haben. Niemand gibt uns das verdammte Recht dazu ... !«

ENDE

#4 RE: DIE EISPIRATEN von Jot Peh 05.11.2021 10:08

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So macht das schon wieder Sinn.
Ich lege mir das Mal für 2022 auf die Liste

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